Das Fürstentum Vandrien


Das Fürstentum Vandrien – seine Entstehung und der Kodex der Tardukai

„Unsere Erzählung spielt zur Zeit der streitenden Grafschaften, also vor über vierundzwanzig Jahrzehnten. Damals war das Reich noch nicht geeint, so wie heute, sondern es war in zahllose kleine, unabhängige Reiche zersplittert. Hier im Norden, dem Gebiet welches heute Gunthers Vandrien ist, gab es sieben Grafschaften, die von alten, sich befehdenden Familien gelenkt wurden. Der Konflikt zwischen ihnen schwelte über viele Generationen hinweg, und niemand wusste damals überhaupt noch zu sagen, warum zum Beispiel die Vagoringer sich mit den Palistern überworfen hatten, oder die Familie der Ramadons mit dem Haus Skoggereg. Zu der Zeit, von der ich dir erzählen will, lebte ein junger Graf namens Aarion. Aarions Vater und Mutter waren früh gestorben, und so wurde er noch vor der Mannbarkeit zum Grafen des Hauses Wolfsmark. Doch Aarion hatte auch noch drei jüngere Geschwister: zwei Brüder, Geruslav und Arnhorte, ehrenhaft und stark; sowie eine Schwester, Neraja, von Anmut wie von Gesinnung einer Göttin ähnlich. Obgleich Aarion zwar der Form nach der einzige Herrscher der Wolfsmark war, regierten sie sie dennoch gemeinsam; und unter der umsichtigen Herrschaft der Geschwister wurde die Wolfsmark bald zur zweitreichsten und mächtigsten Grafschaft. Als Neraja ins heiratsfähige Alter kam, hielt der Graf von Ramadon, der größte Nachbar der Wolfsmark, um ihre Hand an, die sie ihm – mit dem Segen ihrer Brüder – auch gerne gewährte. Das neue Band, das zwischen Ramadon und der Wolfsmark bestand, hätte ein Garant für den Frieden in Vandrien werden sollen, und führte doch zu einem grausigen Blutvergießen… doch ich greife vor.“

„Während Geruslav und Arnhorte ledig blieben, und auf ihre Art beide dem Wohlstand und der Gerechtigkeit in der Wolfsmark dienten, freite Aarion nur wenige Monde nach der Hochzeit seiner Schwester sein Weibe, eine Gemeine aus einem seiner Dörfer. Damals gab es noch keine Erbregelung, die es ihm verboten hätte eine aus dem Volke zu freien, musst du wissen.“

„Sie gebar ihm einen Sohn – Shiion, der später der erste vandrische Fürst werden sollte… doch ich bin schon wieder zu weit. Als Aarions Haupthaar die ersten grauen Strähnen zeitigte, starb Hostan, der Herr der Palister, ohne einen Erben zu hinterlassen. Auf dem Rat der Grafen wurde besprochen, was mit der herrenlosen Grafschaft zu tun sei. Ein jeder der Fürsten erhob Anspruch auf die Ländereien, und so kam man überein, dass man ein Turnier veranstalten wolle, auf dass die Götter selbst auswählen sollten, welcher der sechs Grafen der neue Herr über Palister werden und somit an Macht gewinnen sollte.“

Das große Turnier der sechs Streiter fand in Ramadon statt – am Hofe von Aarions Schwester Neraja und ihres Gatten – und Aarion war es auch, der all die anderen Fürsten beschämte, indem er darauf verzichtete, einen seiner Getreuen zu seinem Streiter zu ernennen. Denn der Graf der Wolfsmark hatte seinem Weibe und seinem Sohn zu Hause versprochen, bei diesem Turniere selbst das Schwert zu führen, auf dass sie stolz auf ihn sein sollten. Vielleicht war es Hochmut der ihn antrieb, vielleicht Ehrgeiz oder das Verlangen nach Ruhm. Mag sein dass er auch einfach nur beweisen wollte, dass er würdig war. Auf jeden Fall trat Aarion selbst in der Turnei an; und tatsächlich schien der Gott des Krieges und der Ehre gefallen an ihm zu finden, denn der Wolfsmärker gewann jeden Waffengang gegen seine meist viel kampferprobteren Gegner. So kam es, dass er zuletzt auch den ramadonischen Recken in den Staub zwang, und Aarion unter dem Jubel der Menge und seiner mitgereisten Brüder zum Sieger des Turnieres, und zum neuen Grafen über die Wolfsmark und Palister ernannt wurde. Das Fest zu seinen Ehren war gewaltig, ebenso wie die Gastfreundschaft Nerajas und ihres Gatten. Die meiste Zeit jedoch verbrachte Aarion mit seinem Neffen; dem Sohn der holden Neraja und zukünftigen Herrn über Ramadon.

Das Turnier war also beendet, und der Tag von Aarions offizieller Ernennung rückte näher. Der Graf konnte es kaum noch erwarten – nicht der Ehrung willen, sondern weil er den tiefen und aufrichtigen Wunsch verspürte, nach Hause zu Frau und Kind zurückzukehren, um von seinem Siege zu berichten. Und dennoch sollte er sie niemals wiedersehen.

Es begab sich in der Nacht vor der Ehrung, dass Aarion seinen Neffen bei der Hand nahm, und mit ihm einen Abendspaziergang auf den Zinnen des Schlosses machte. Dabei jedoch wurden sie – wie man sich heute erzählt – von bestochenen Wachsoldaten überfallen. Der junge Grafensohn wurde die Zinnen hinab in den Burghof gestoßen, während Aarion niedergeschlagen ward. Eilends waren der Herr und die Herrin zur Stelle, und noch während sie um ihren toten Sohn weinten, trug man ihnen Nachricht zu, der Onkel des Kindes habe es in einem Anfall großer Wut die Zinnen hinabgestoßen. Diese Verleumdung, aus dem Munde vieler Zeugen, ließ in Neraja wahrhaft fürchterlichen Hass aufwallen, und sie befahl ihren Bruder in Ketten zu legen. Getroffen vom Gang der Ereignisse ließ Aarion es mit sich geschehen, wenngleich Geruslav und Arnhorte ihrer Schwester gut zuredeten. Doch das Herz der Gräfin war versteinert aus Trauer um ihren Sohn. So kam es, dass drei Tage später, nach nur kurzer Verhandlung, in welcher Aarion unnachgiebig seine Unschuld beteuerte, der Richtblock auf ihn wartete.

In jenen Stunden, bevor das Henkersbeil dem Leben des großen Aarion ein Ende setzte, kamen Arnhorte und Geruslav ein letztes Mal zu ihm.‚Bruder‘, sprach der starke Geruslav, ‚sorge dich nicht, denn wir und alle anderen, welche wir mit dir angereist sind, werden nicht zulassen dass sie dein Leben nehmen.‘ ‚Bruder‘, sprach der listige Arnhorte, ‚sorge dich nicht, denn wir haben einen Plan ersonnen um dich freizukämpfen, denn keiner von uns glaubt wahrhaftig dass du solch feigen Mord begangen hast.‘
Aarion aber lächelte sie traurig an und sagte zu ihnen: ‚Recht habt ihr, unschuldig bin ich am Tod des Knaben. Und doch ist sein Blut an meinen Händen…hätte ich nicht den großen Ruhm begehrt, hätte ich nicht die anderen Grafen beschämt; all dies wäre nie passiert. Dies ist die gerechte Strafe für meinen Hochmut, darum verdiene ich was mir bevorsteht. Doch wollt ihr mir einen letzten Wunsch gewähren?‘

Da wurden die Brüder traurig, und sie eilten sich ihm zuzusagen. ‚Wir werden tun was immer du wünschst.‘ ‚Ich wünsche nur drei Dinge, sagte Aarion der Große, zum Ersten dass ihr stets für mein Weib und meinen Sohn sorgen werdet, bis er alt genug ist meinen Platz einzunehmen. Zum Zweiten, dass ihr den Meinen berichtet, dass der Junge nicht durch meine Hand den Tod gefunden hat, sondern durch üble Ränkeschmiederei. Und zum Dritten – darum bitt‘ ich euch im Namen unsrer Brüderschaft inständig – dass ihr mich zu Hause in der Wolfsmark zur Ruh‘ bettet, auf dass ich aus Shanka-Pans Hallen über die Meinen wachen kann.‘ Bewegt von der Größe ihres Bruders brachen Geruslav und Arnhorte in Tränen der Rührung aus, und bei ihrem Leben schworen sie, Aarions Wünsche zu befolgen. Noch in derselben Stunde wurde Arnhorte bei Neraja vorstellig, um ein letztes Mal für das Leben seines Bruders zu werben, oder doch zumindest einen Aufschub zu erfahren, doch die Gräfin, trunken vor Hass und Verzweiflung, sandte ihn fort.

Als sie Aarion zum Richtblock führten, hielt er den Kopf hoch erhoben; ein Gebet an den Hohen Herrn auf den Lippen, doch ohne ein Zeichen von Furcht. Seinen Weg säumten fünfzig Mann; das Gefolge mit dem er angereist war; darunter dreißig der tapfersten Ritter der Wolfsmark. Viele von ihnen hatten die Hand am Schwerte, doch wenn der Graf an ihnen vorüberging lächelte er nur beschwichtigend und schüttelte den Kopf. ‚Diese Augen wollen nicht sehen, wie jemand das Schwert gegen Unsere Schwester erhebt.
Als Neraja dem Henker das Zeichen gab, wandten Aarions Männer sich bekümmert ab. Nur Geruslav, der Bär, fand das Herz seines Bruders Tod mit anzusehen, und was er sah grämte ihn zutiefst.

Als Aarions Kopf blutbesprenkelt im Korb des Henkers lag, zog ein Gewitter auf, aus heiterem Himmel. Und man erzählt sich, dass Donnergrollen den Himmel erfüllte. Heute wird es als göttliches Zeichen anerkannt, dass der Gott des Krieges und der Ehre sein Augenmerk auf jenen, seinem Auge wohlgefallenden Menschen richtete, der dort sein Leben aushauchte. Die Leute aus Ramadon jedoch schrieen ‚Hexerei, Hexerei! Dämonenwerk!‚ Und so gab die Gräfin Befehl, den Leichnahm des Grafen zu verbrennen. Da aber entsannen sich Geruslav und Arnhorte ihres Schwurs, dass ihr Bruder in heimischer Erde zur Ruhe gebettet werden sollte; und als Neraja wiederum nicht ihrem Bitten folgen wollte, da fuhren die Schwerter aus der Scheide, und mit ihnen fünfzig weitere. Umringt von zehnmal mehr Männern, als sie selbst aufzubieten hatten, nahmen Aarions Gefolgsleute den Leichnahm ihres gefallenen Herrschers in die Mitte und verteidigten ihn knurrend; wie ein Hund der seinem toten Herrn nicht von der Seite weicht, und nicht zulässt dass sich ein wildes Tiere an ihm vergeht.

‚Des Kindermörders toter Leib soll verbrannt werden‘, sprach die Gräfin, ‚auf dass von ihm kein Schaden mehr drohe.‘  Arnhorte der Kluge aber trat vor, verneigte sich vor seiner Schwester und sagte: ‚Hier stehen wir, eine halbe Hundertschaft unwürdiger Diener eines großen Mannes. Viel hat er erduldet aus Liebe zu dir und deinem Sohn, an dessen Tod ihn keine Schuld trifft. Seinen Leichnam jedoch geben wir nicht der Schändung Preis. „Mena rech ekh Bennain – tora dolmon ekh got deskos Tardukai!“, sprach er, denn der Gebildete sprach auch die alte Zunge Vandriens: „Niemals werden wir weichen – wir, die wir die Treuesten der Treuen sind!“

Da befahl die Gräfin, all jene zu erschlagen die Aarion auch weiterhin die Treue halten wollten; allen die jedoch das Schloss friedlich verließen, wollte sie nichts zuleide tun. Da hießen Arnhorte und Geruslav ihre Begleiter, das Schloss zu verlassen. ‚Einzig unsere Aufgabe ist es, unseren Bruder zu ehren. Wir wissen dass ein jeder von euch ihm im Herzen treu ergeben ist – doch sollt ihr nicht hier mit uns harren und sterben. Geht und berichtet zu Hause von den Dingen, die sich hier zutrugen.‘

Und von den fünfzig Gefolgsleuten verließen jene zwanzig, welche in ihrem Leben noch keinen Stahl im Kampfe geführt hatten, mit gesenktem Haupte den Haufen um das Schloss zu verlassen. Von den dreißig Rittern der Wolfsmark jedoch rührte nicht einer sich vom Flecken. ‚Wir werden nicht verlassen die Seite unseres Herrn, sprachen die Ritter, denn in seinen Worten erhob der Herr Arnhorte uns zu den Treuesten der Treuen, Tardukai, und so wollen wir uns dieses Titels für würdig erweisen! Wir leben und wir sterben für unseren Herrn!‘  Bei diesen Worten jubelten die Herzen der Wolfsmärker, und auch jene die sich abgewandt hatten um zu fliehen hörten die Worte der Ritter, und nicht einer unter ihnen setzte seinen Weg fort; nein, ohne Ausnahme wandten sie sich um und traten zu den tapferen Recken um den toten Aarion. Da trat Geruslav der Bär vor und rief seiner Schwester zu: ‚Dreiundfünfzig Wolfsmärker Adlige, Ritter und Gemeine waren wir als wir anreisten – als dreiundfünfzig Wolfsmärker Brüder werden wir diesen Ort wieder verlassen, oder gemeinsam den Bruder Tod hier umarmen!‘ Und ihnen allen jubelte das Herz ob der Treue und der Männlichkeit und der Bestimmtheit seiner Worte.

Neraja befahl den Ramadon-Männern, die Wolfsmärker niederzuringen, doch nun schritt ihr Gatte ein und hieß seine Männer, Aarions Gefolgschaft in Frieden ziehen zu lassen. ‚Vielleicht haben wir unrecht gehandelt unter der Last der Trauer, denn ein Mann dem seine Gefolgsleute so sehr die Treue halten, kann kein Unmensch gewesen sein. Zieht in Frieden, Wolfsmärker, und tragt euren Herrn mit euch wie es sein Wunsch war.‘
Seine Gemahlin sprach von Stund an kein Wort mehr, und wenige Tage später stürzte sie sich von den Zinnen des Schlosses, an eben jener Stelle an der ihr geliebter Sohn den Tod gefunden hatte. Die Wolfsmärker aber nahmen Aarions Leichnam auf die Schultern und geleiteten ihn im Ehrenzug nach Hause.  Doch war damit Geruslavs und Arnhortes Schwur noch nicht zu Ende, denn von diesem Tage an kümmerten sie sich um Weib und Sohn des Grafen, und mit ihrer Hilfe und durch der Götter Segen – und vielleicht auch durch das wachende Auge seines Vaters – sollte Aarions Sohn Shiion der erste Fürst von Vandrien werden, denn ihm gelang es erstmals, die streitenden Grafschaften zu vereinen. Und so regiert Aarions Haus noch heute auf dem Thronberg, auch wenn die Tradition des Tardukai-Eides seit der Einigung von Galadon nicht mehr praktiziert wird.“